Mit dem neuen Preis „Kirche und bezahlbares Wohnen“ zeichnet das Ministerium für Landesentwicklung und Wohnen (MLW) erstmals zehn beispielgebende kirchliche Projekte und Initiativen aus, die auf innovative Weise zur Schaffung von bezahlbarem Wohnraum beitragen. „Wir machen damit besonders modellhafte Projekte sowie gute Ideen sichtbar und unterstützen die Kirchen und Kommunen landesweit dabei, die kirchlichen Ressourcen für die Wohnraumversorgung nutzbar zu machen“, sagte Ministerin Nicole Razavi MdL bei der Bekanntgabe der Preisträger. Schätzungen zufolge werden in Baden-Württemberg in den kommenden zehn bis 15 Jahren rund 5.000 kirchliche Immobilien und Liegenschaften frei. „Ziel des Preises ist es, Impulse zu setzen. Wir wollen zeigen, was möglich ist – und Mut machen, vorhandene Potenziale zu nutzen“, so Razavi.
Zehnköpfige Jury verteilt insgesamt 50.000 Euro an Preisgeld
Der Preis war im August 2025 ausgeschrieben worden, die Bewerbungsfrist endete am 12. Oktober. Teilnehmen konnten Kirchengemeinden, kirchliche Träger, Initiativen, Planerinnen und Planer, Vertreterinnen und Vertreter der Bauwirtschaft und des Handwerks sowie alle, die an Projekten entsprechend dieser Zielsetzung beteiligt waren.
„Insgesamt wurden 33 Projekte eingereicht, die eindrucksvoll zeigen, welches Potenzial kirchliche Akteure, Initiativen und Partner für die Schaffung bezahlbaren Wohnraums mobilisieren können“, so Razavi. Die eingereichten Projekte reichten von baulichen Lösungen über innovative Nutzungskonzepte bis hin zu Initiativen, die bislang ungenutzten Wohnraum aktivieren.
Eine unabhängige zehnköpfige Fachjury hat die Projekte anhand verschiedener Kriterien bewertet, darunter der Beitrag zum bezahlbaren Wohnen, der kirchliche Beitrag, Nachhaltigkeit, soziale Wirkung sowie Übertragbarkeit. Dabei wurde von der Jury ausdrücklich gewürdigt, dass sämtliche Einreichungen einen wertvollen Beitrag leisten und wichtige Impulse für eine zukunftsfähige Wohnraumentwicklung geben.
Aus den Bewerbungen wurden schließlich zehn Projekte ausgewählt, die in besonderer Weise beispielhaft wirken und anderen Akteuren Orientierung geben können. Jedes der zehn Projekte erhält 5.000 Euro.
Die ausgezeichneten Projekte:
Realisierte Projekte
- „Vom Pfarrhaus zur integrativen WG“ (Esslingen-Berkheim): Ein ehemaliges Pfarrhaus wurde zu bezahlbarem Wohnraum für Auszubildende umgebaut und verbindet Wohnen mit sozialer Begleitung.
- „Ein lebenswertes Zuhause, Diakonisches Zentrum Christuskirche“ (Reutlingen): Geförderte Wohnungen werden hier mit Pflegeangeboten und quartiersbezogener Infrastruktur verknüpft - ein Beispiel gelungener Kooperation zwischen Kirche und Kommune.
- „Klosternahes Wohnen, Kloster Reute“ (Bad Waldsee): Leerstehende Flächen eines Klosters werden in gemeinschaftliche Wohnungen umgewandelt und zeigen, wie historische Bestände nachhaltig genutzt werden können.
- „Campus St. Alban“ (Freiburg): Durch den Umbau eines Studierendenwohnheims entsteht ein inklusiver und nachhaltiger Wohncampus für unterschiedliche Lebenslagen.
Konzepte
- „Offenes Haus Birkach“ (Stuttgart): Eine ehemalige kirchliche Bildungsstätte soll zu einem Quartiershaus mit Wohnen, Kultur und Gemeinwesensfunktionen weiterentwickelt werden.
- „Haigstkirche – Macht hoch die Türen!“ (Stuttgart): Das Konzept demonstriert, wie Sakralräume sensibel umgenutzt und um Wohnangebote ergänzt werden können.
Initiativen
- „geNuWo“ (Ludwigsburg/Sachsenheim): Vermittelt freie Zimmer in privaten Haushalten an Wohnungssuchende und stärkt damit gemeinschaftliche Wohnformen.
- „Wohnen für Hilfe“ (Ulm/Alb-Donau-Kreis): Verbindet Wohnraum mit gegenseitiger Unterstützung im Alltag und fördert generationenübergreifende Solidarität.
- „HEREIN – Kirchliche Wohnraumoffensive Oberschwaben“: Aktiviert leerstehende Wohnungen durch ein Zwischenmietmodell mit sozialer Begleitung.
- „TürÖffner“ (Region Ludwigsburg/Rems-Murr/Enzkreis): Identifiziert Leerstände und vermittelt sie in enger Zusammenarbeit mit Kommunen an Menschen in Wohnungsnot.
Anerkennungen
Darüber hinaus bekommen zwei landesweit wirkende Akteure eine Anerkennung für ihr großformatiges Engagement: das Siedlungswerk Baden e. V. sowie die Stiftung Schönau. Beide leisten bereits heute einen strukturell bedeutenden Beitrag zur Entwicklung kirchlicher Liegenschaften für Wohnzwecke und haben eine wichtige Vorbildfunktion für andere Akteure auf dem Wohnungsmarkt.
Stärkere Vernetzung geplant
„Bereits die Gesamtheit der Einreichungen zeigt, dass ein breiter Gestaltungswille vorhanden ist. Viele Projekte befinden sich noch in der Entwicklung und besitzen großes Zukunftspotenzial. Die zahlreichen Einreichungen machen deutlich, dass wir erst am Anfang einer wichtigen Entwicklung stehen. Entscheidend wird nun sein, die Akteure stärker zu vernetzen, voneinander zu lernen und erfolgreiche Modelle in die Fläche zu tragen“, sagte Ministerin Nicole Razavi MdL.
Vor diesem Hintergrund ist in diesem Jahr noch eine landesweite Vernetzungsveranstaltung geplant. Dort sollen alle eingereichten Projekte präsentiert werden, um den fachlichen Austausch zu fördern, neue Kooperationen anzustoßen und die gewonnenen Erkenntnisse in die Fläche zu tragen.
Entscheidung der Jury: Realisierte Projekte
Zusammen bilden die vier Projekte eine repräsentative Auswahl aus Nachverdichtung, Bestandsumnutzung, klösterlichem Wohnen und kirchlichem Campus.
Eingereicht von: Evangelische Kirchengemeinde Berkheim,
Ansprechpartnerin: Birgit Landi
Standort: Esslingen, Berkheim
Projektinhalt
Die Evangelische Kirchengemeinde Berkheim hat ein ehemals klassisches Pfarrhaus zu einer integrativen Wohngemeinschaft für Auszubildende und junge Erwachsene umgebaut. Entstanden ist ein gemeinschaftliches Wohnmodell, das bezahlbaren Wohnraum mit sozialer Begleitung verbindet. Neben preisgünstigen Zimmern bietet das Projekt gemeinsame Räume, Anbindung an die Kirchengemeinde sowie Unterstützung im Alltag und in der beruflichen Integration.
Jurybewertung
Das Projekt wurde ausgewählt, weil hier mit geringem baulichem Aufwand bestehender kirchlicher Bestand aktiviert wird und zugleich ein klarer sozialer Mehrwert (Integration junger Menschen mit Flucht- oder Migrationserfahrung) entsteht. Das Projekt gilt als besonders gut übertragbar auf viele Pfarrhäuser im Land.
Eingereicht von: Diakonieverband Reutlingen & Ev. Gesamtkirchengemeinde
Ansprechpartner: Pfarrer Dr. Joachim Rückle
Standort: Reutlingen
Projektinhalt
In Reutlingen entstand in enger Kooperation von Stadt, Diakonie und Kirchengemeinde ein neues Wohn- und Sozialzentrum rund um die Christuskirche. Neben 28 geförderten Wohnungen umfasst das Projekt Pflegeangebote, Begegnungsflächen und quartiersbezogene Infrastruktur.
Jurybewertung
Das Projekt wird vorgeschlagen, weil es in besonderer Weise zeigt, wie Kirche und Kommune gemeinsam durch Flächentausch, Beteiligung und Quartiersentwicklung zu einer städtebaulich wie sozial tragfähigen Lösung kommen können. Es steht beispielhaft für eine kooperative Transformation kirchlicher Liegenschaften.
Eingereicht von: Franziskanerinnen von Reute e. V.
Ansprechpartner: Claus Mellinger
Standort: Bad Waldsee
Projektinhalt
Im Mutterhaus der Franziskanerinnen in Reute wurden leerstehende Flächen in 12 kleine, suffiziente Wohnungen umgebaut, die gemeinschaftlich organisiert sind und in den klösterlichen Kontext eingebettet bleiben.
Jurybewertung
Das Projekt überzeugt durch die Aktivierung leerstehender Bestände bei gleichzeitiger Wahrung des klösterlichen Charakters. Die Suffizienzstrategie und das Stiftsmodell verbinden ökologische Nachhaltigkeit, niedrige Mieten und soziale Einbindung und besitzen Pilotcharakter für viele Ordensstandorte.
Eingereicht von: ABMP Architektur und Generalplanung
Ansprechpartner: Susanne Preßer und Hans-Peter Bär
Standort: Freiburg im Breisgau
Projektinhalt
Ein bestehendes Studierendenwohnheim von der Erzdiözese Freiburg wurde zu einem nachhaltigen, inklusiven Campus weiterentwickelt, der auch Eltern-Kind-Wohnen und barrierefreie Einheiten umfasst.
Jurybewertung
Campus St. Alban ergänzt die Auswahl um den Typus des kirchlichen, für alle Konfessionen offenen Studierendenwohnens. Das Projekt verbindet Bestandsumbau, nachhaltige Bauweise und neue Zielgruppen (u. a. Studierende mit Kind oder Einschränkungen) und ist insbesondere für kirchliche Hochschulstandorte modellhaft übertragbar.
Entscheidung der Jury: Konzepte
Beide Konzepte zeigen, wie Kirchenräume neu gedacht werden können, ohne ihre gesellschaftliche Bedeutung zu verlieren.
Eingereicht von: Zukunft Haus Birkach e. V., Monika Lehmann
Ansprechpartnerin: Monika Lehmann
Standort: Stuttgart, Birkach
Projektinhalt
Das ehemalige evangelische Bildungszentrum soll in ein offenes Quartiershaus mit Wohnen, Kultur und Gemeinwesenfunktionen überführt werden.
Jurybewertung
Offenes Haus Birkach steht für den Typus einer zivilgesellschaftlich getragenen Nachnutzung großer kirchlicher Immobilien, die von institutionellen Akteuren nicht mehr genutzt werden. Die Jury bewertet es als wichtig, solche Initiativen frühzeitig zu stärken, selbst wenn die Umsetzung noch nicht gesichert ist. Gerade hier entfaltet ein Preis den Charakter eines Anschubs.
Eingereicht von: Evangelische Kirchengemeinde Markus-Haigst
Ansprechpartner: Pfarrer Dr. Tilo Knapp
Standort: Stuttgart, Degerloch
Projektinhalt
Konzept zur teilweisen Umnutzung eines Sakralbaus zu Wohnen, Kultur und Begegnung.
Jurybewertung
Die Haigstkirche wurde ausgewählt, weil sie ein landesweit hoch relevantes Transformationsproblem adressiert: die Aufgabe von Kirchengebäuden in innerstädtischen Lagen. Die geplante Integration von Wohnen in einen Sakralbau ist prägnant, symbolisch stark und potenziell vorbildgebend für viele ähnliche Situationen.
Entscheidung der Jury: Initiativen
Die Jury hat sich bewusst dafür entschieden, vier Initiativen auszuzeichnen, da sie unterschiedliche, sich ergänzende Hebel zur Aktivierung von Wohnraum darstellen und gemeinsam bilden sie ein strategisch besonders relevantes Feld: die Aktivierung von „unsichtbarem Wohnraum“ jenseits des klassischen Neubaus. Gerade in angespannten Wohnungsmärkten entfalten diese Modelle eine hohe Wirksamkeit bei hohem ehrenamtlichem Einsatz und vergleichsweise geringem Mitteleinsatz.
Eingereicht von: Kuwanex gemeinnützige UG
Ansprechpartner: Patrick Schneider
Standort: Ludwigsburg / Sachsenheim
Grundidee und Funktionsweise
„geNuWo“ setzt bei ungenutzten Zimmern und Einliegerwohnungen in privaten Haushalten an. geNuWo ist ein kirchlich eingebettetes Vermittlungsmodell, das Haushalte mit Wohnungssuchenden wie Auszubildenden, Studierenden oder Menschen mit geringem Einkommen zusammenbringt. Ergänzt wird dies durch digitale Tools sowie durch persönliche Begleitung.
Eingereicht von: Caritas Ulm-Alb-Donau
Ansprechpartnerin: Magdalena Tewes
Standort: Ulm / Alb-Donau-Kreis
Grundidee und Funktionsweise
„Wohnen für Hilfe“ ist ein Tauschmodell: Wohnraum gegen Unterstützung im Alltag. Menschen mit freiem Wohnraum, oft ältere Personen, stellen ein Zimmer zur Verfügung und im Gegenzug leisten die Bewohnerinnen und Bewohner Hilfe im Haushalt, Garten oder Alltag.
Eingereicht von: Caritas Bodensee-Oberschwaben
Ansprechpartner: Christian Mayer
Standort: Region Oberschwaben
Grundidee und Funktionsweise
„Herein“ tritt als Zwischenmieterin auf. Eigentümer vermieten ihre leerstehenden Wohnungen an die Caritas, die diese wiederum an wohnungslose oder wohnungsuchende Menschen weitervermietet. Zwischenmietmodell mit kirchlicher Absicherung.
Eingereicht von: Caritas Ludwigsburg-Waiblingen-Enz, kath. Dekanate
Ansprechpartnerin: Ellen Eichhorn-Wenz, Fachleitung Solidarität
Standort: Landkreise Ludwigsburg, Rems-Murr, Enzkreis
Grundidee und Funktionsweise
„TürÖffner“ arbeitet nach einem ähnlichen Prinzip wie HEREIN, jedoch mit stärkerer kommunaler Einbindung. Leerstehende Wohnungen werden durch kirchliche und kommunale Netzwerke identifiziert, rechtlich und sozial abgesichert und an wohnungslose Menschen vermittelt. 114 aktivierte Wohnungen durch kirchlich-kommunale Kooperation.

















